Predigt am Pfingstsonntag, dem 5. Juni 2022 in Blumberg, frei nach einer am Pfingstsonntag 2014 in der Kirchengemeinde Berlin-Marzahn/Nord über Apostelgeschichte 2,1-41 und Römerbrief 8,1-11 vorbereiteten:

Jetzt also gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.

Denn weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, wegen der Sünde, um die Sünde im Fleisch zu verurteilen; dies tat er, damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben.

Denn diejenigen, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, die aber vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. Denn das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nämlich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.

Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.1

Liebe Gemeinde,

wir haben den Anfang der Pfingsterzählung zu Anfang des Gottesdienstes gehört. Da heißt es: „Alle waren an einem Ort beisammen.“

Die Erzählung vom Himmelfahrtstag endet damit, dass die Apostel und Frauen und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder miteinander beteten und zusammen blieben. Dann wird erzählt, dass 120 Menschen zusammen kamen und einen Nachfolger für Judas als Apostel wählten, der plötzlich gestorben war. Das Los fiel auf Matthias. Und nun zum Pfingstfest, 50 Tage nach dem Passahfest, waren sie wieder alle versammelt an einem Ort und erlebten, das etwas mit ihnen passierte. Es entstand eine Bewegung unter ihnen, sie fingen Feuer und spürten, dass sie von Heiligem Geist erfüllt wurden und in einer Weise sprachen und sich ausdrücken konnten wie nie zuvor.

Das fiel den anderen Menschen ringsum auf, erstaunte sie und veranlasste sie, miteinander darüber zu reden. Petrus erklärte ihnen darum, was passiert war.

Er erzählte von Jesus, den Gott auferweckt hatte und nun zur Rechten Gottes erhöht wurde. Er habe diesen Geist über die Seinen ausgegossen und diese Veränderung bewirkt, die die Leute bemerkt hatten. Zum Schluss sagt er: „So möge nun das ganz Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.!

„Da ging ihnen ein Stich durch das Herz,“ heißt es wieder. Petrus scheute sich nicht, die Leute direkt auf das, was sie taten, anzusprechen. Schon mitten in der Rede war er darauf eingegangen und hatte die israelischen Männer direkt angesprochen: „Ihr habt Jesus aus Nazareth durch die Hand der Gesetzlosen“ – sprich der Römer – „ans Kreuz nageln und töten lassen.“ Er hatte aber gleich im nächsten Satz von der Auferweckung Jesu geredet und damit die Spitze des Vorwurfs gemildert. Am Ende seiner Rede aber mildert er nicht mehr ab, sondern verschärft: Gott hat diesen Jesus zum Herrn der Welt gemacht, den ihr gekreuzigt habt.“ - Das trifft ins Herz.

Doch Petrus bewirkte etwas. Die Menschen fragten ihn: „Was sollen wir tun, ihr Brüder?“ und er antwortete: „Ändert euer Denken und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen in der Ferne, so viele wie der Herr, unser Gott herzu ruft.“ (V 39)

Unser heutiger Predigttext steht im Römerbrief im 8. Kapitel. Paulus schreibt dort wie eine Überschrift über den folgenden Abschnitt und als Zusammenfassung des Vorhergehenden: „Es gibt keine Verurteilung mehr für die, die in Jesus Christus sind.“

Liebe Gemeinde! Alles was geschehen ist, bleibt so, wie es ist. Aber das, was kommt, kann und wird ganz anders sein. Nichts von dem Schlimmen, was war, wird unter den Teppich gekehrt und mit der Mauer des Vergessens umgeben.

Wir gedenken bis heute an Jesu Kreuzigung, an den Verrat durch Judas, die Feigheit der Jünger und die Verleugnung des Petrus. Aber deswegen kommen wir hier nicht zusammen, sondern ganz andere Erfahrungen bringen uns dazu, uns hier in Jesu Namen zu versammeln. Es ist das Erlebnis von Gemeinschaft, vom gemeinsamen Singen und Beten. Wir spüren: Hier geht es um Wahrheit. Wahrheit befreit und macht das Herz weit.

Wir wissen: Hier darf jeder kommen, ob jung oder alt und egal, woher er kommt, ob als Gast, Nachbar oder Gemeindeglied. So wie auch ich überall dahin gehen kann, wo Menschen sich in Jesu Namen versammeln.

„Es gibt keine Verurteilung mehr für die, die in Jesus Christus sind,“ schreibt Paulus. Doch das bezieht sich nicht auf das, was mit Jesus in Jerusalem vor fast 2000 Jahren passierte. Bei Paulus waren es ca. 20 Jahre, als er dies schrieb. Er bezog es auf das, was sich in ihm selbst jeden Tag abspielte und auch in jedem von uns bis heute.

Er schreibt von der Sünde, die den Tod bewirkt, und die er selbst tut, obwohl er sie nicht tun will, weil sein „Fleisch“ stärker ist, als sein guter Wille.

„Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach.“ - Liebe Gemeinde, das kennen wir doch alle in Bezug auf das Essen, die nötige Bewegung, also im Blick auf unsere eigene Gesundheit, und im Blick auf das, was wir mit der uns geschenkten Zeit anfangen. Wir möchten so vieles tun, aber da ist unsere Müdigkeit, unsere Unkonzentriertheit, unsere schwachen Nerven. Unser Körper will einfach nicht so wie wir.

Paulus ist jedoch überzeugt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ (V 11)

Liebe Gemeinde,

wir sehnen uns alle nach Gesundheit, nach Frieden und Vergebung in unseren Familien und nach einem Neuanfang, wo Streit ist. Wir wollen fröhlich sein können, mit anderen zusammen etwas bewirken und tun. Wir wollen dazugehören, aber auch die Möglichkeit haben, uns mal zurückzuziehen, ohne einsam zu sein.

Wir wollen uns nicht sorgen müssen um das tägliche Brot und das Dach über dem Kopf oder wie wir den Berg von Arbeit und Verpflichtungen bewältigen sollen. Wir wollen einfach leben können, das schöne Wetter nutzen und hinaus in die Welt, um sie zu erkunden.

So neigen wir dazu, unsere Augen zuzumachen vor dem Bösen, das uns zusetzt und in der Welt wirkt, vor den Gefahren, vor dem Tod. So wirkt der heutige Predigttext auf mich auch schwer und nicht so leicht und geistbewegt, wie ich es mir zu Pfingsten wünschen würde.

Doch Gott traut uns mehr zu, als wir uns selbst. Er sieht unsere Stärke, weil er sie selbst durch seinen Geist in uns gegeben hat, und so traut er uns auch zu, die Augen vor Schreck, was wir da in der Welt sehen, nicht zuzumachen. Er traut uns zu, gerade dann, wenn wir solches erblicken, genauer hinzuschauen und dann darüber zu reden wie der Petrus.

3000 kamen durch seine Rede zum Glauben, heißt es in der Apostelgeschichte. So sehe ich unsere Aufgabe heute darin, auszusprechen was wir sehen und was wir befürchten, nicht nur im Blick auf die Großen in dieser Welt, die Politiker und Mächtigen, sondern auch im Blick auf unsere Kirche und auf uns selbst. Was war, ist nicht einfach Vergangenheit, die wir vergessen dürften und sollten. Was war, wird weiterhin seine Kraft bewahren und Unheil stiften, solange es nicht vergeben ist.

Von der Kreuzigung Jesu geht bis heute Segen aus, wenn wir erkennen, dass Gott selbst es war, der sich so schwach und machtlos machte, dass man das mit ihm machen konnte – und gerade so die Mächtigen auf dieser Erde entlarvte in ihrem menschlichen Elend, ihrer Schuld.

Gesetze, auch das göttliche Gesetz der Nächstenliebe und der 10 Gebote können nur eine Orientierung sein, ein Rahmen, in dem wir uns bewegen, um jedem Menschen ein Lebensrecht zu gewähren.

Lebendigkeit aber heißt mehr. Es ist das, was wir ersehen. Gott traut uns das zu. Nehmen wir sein Geschenk und lassen wir es in uns wirken. Amen

 

Fürbittengebet 2022:

 

Jesus Christus, Du hast uns nicht allein gelassen, damals vor nun bald 2000 Jahren. Du wirkst unter uns, sodass auch wir heute in Deinem Namen versammelt sind und uns Christen nennen. Wir sind getauft auf Deinen Namen und wollen Dir nachfolgen. Lass uns Deinen Geist spüren, der uns zusammenführt, der uns Kraft schenkt nicht nur für all das, was wir uns vorgenommen haben, auch Kraft, Schwierigkeiten zu ertragen.

Herr, wir wollen Dich bezeugen vor all den Vielen um uns herum, die Dich nicht kennen, die uns belächeln oder verachten oder denen wir gleichgültig sind. Schenke uns die rechten Worte und Gelegenheiten, Dich zu bezeugen. Du bist für alle Menschen da und berufst Menschen aller Völker.

Öffne unsere Herzen für sie. Wenn wir ihnen begegnen, hilf uns, das Gefühl von Fremdheit zu überwinden. Mach uns neugierig aufeinander und lass uns in der Vielfalt Reichtum statt Bedrohung sehen.

Herr, wir, die wir uns Christen nennen, sind gespalten in so viele Konfessionen. Auch in dieser Vielfalt sehen wir keinen Reichtum, sondern suchen die organisatorische Einheit. Schenke uns die Einheit in Deinem Geist, in der Liebe, gegenseitiger Achtung und Hilfe, sodass wir Dich gemeinsam zu Deiner Ehre bezeugen.

Herr, unsere Einheit ist immer wieder bedroht auch durch nationale Konflikte. So bitten wir Dich heute besonders für die orthodoxen Kirchen und alle Kirchen in der Ukraine, die durch den Krieg so belastet sind. Bewahre sie und auch uns davor, die eigene Existenz als historische Institution für wichtiger zu erachten als die Klarheit Deiner Botschaft für alle Menschen.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Leben und Frieden, Wahrheit und Vergebung von Schuld, schenkst Du uns, Herr. Wir sehnen uns danach. So bitten wir Dich in der Stille für all jene, deren Leben bedroht ist, und für jene, die die Wahrheit nicht wahrhaben wollen, Schuld nicht eingestehen können und keinen inneren Frieden finden.



Vater unser...

1 Einheitsübersetzung 2016

 

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Predigt am 29. Mai 2022 in der Dorfkirche Ahrensfelde über Römer 8,26-30

Predigt am 1. Mai 2022 in der Kirche zu Blumberg über Johannes 21,15-19:

 

Predigt am 17.10.2021 in Ahrensfelde über Micha 6,8: Was ist gut? - Haben wir heute ein Problem damit?

 

Predigt am 10.10.2021 in Blumberg über den Jakobusbrief 5,13-16: Für Kranke beten und ihnen die Hände auflegen?

 

Predigt am 19. September 2021 in der Dorfkirche Ahrensfelde1 über 2. Timotheus 1,10b:

 

Predigt am 11. Juli 2021 in der Dorfkirche Ahrensfelde über Matthäus 28,16-20



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Die meisten der hier auf dieser Webseite veröffentlichten Predigten habei ich in der Kirchengemeinde Berlin-Marzahn/Nord gehalten.  Darum hier auch noch meine letzte Predigt dort:

 Predigt im Silvestergottesdienst 2018 zum Abschied von der Gemeinde Marzahn/Nord,

- da frei von mir gehalten, nun nachträglich noch mal so aufgeschrieben, wie ich es habe sagen wollen -

 

über Johannes 8,31-36:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten:Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

 Da antworteten sie ihm: „Wir sind Abrahams Nachkommen und sind niemals jemandes Knecht gewesen.  Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?“

 Jesus antwortete ihnen und sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“


Liebe Gemeinde,

schon dreimal hatte ich über diese Sätze hier Silvester zu predigen, über diese Worte, die so gar nicht zu einer Silvesterfeier zu passen scheinen. Heute am Ende meines Dienstes möchte ich darauf zurückblicken.
1994 war es das erste Mal. Ich habe über Freiheit nachgedacht. Unsere Kinder waren noch in der Grundschule und ich hatte die Erfahrung, wie es ist, Rechtschreibung zu üben. Es gibt Regeln, die man sich einprägen muss, man hat nicht die Freiheit, das einfach anders zu machen.Ein falsch geschriebenes Wort wird immer und immer wiederholt, bis es sich eingeprägt hat. So hieß es: „Übung macht den Meister.“ Dann aber passiert es beim Schreiben, dass man etwas, was bisher immer richtig war, auf einmal verkehrt geschrieben wird. Das sah ich als Bild, wie es uns im neuen Jahr möglicherweise ergehen wird: Wir nehmen uns vor, es nun besser und richtig zu machen, aber wir werden neue Fehler machen, die uns bisher nicht passiert sind. Regeln sind wichtig für das Miteinander, wenn wir gut miteinander auskommen wollen. Jesus ist ein geduldiger Lehrer, der uns, seinen Schülern, zutraut, sie zu lernen und dadurch frei zu sein und Mut zu haben, für die neue Übungsrunde, die das neue Jahr für uns bedeutet.

 Unsere für die Predigt vorgeschlagenen Texte wiederholen sich alle 6 Jahre. Im Jahr 2000 war ich aber nicht dran, den Gottesdienst zu halten, wohl aber 1999. An diesen Abend erinnere ich mich noch sehr gut. Von jungen Männern, die wir eine Zeit lang hier aufgenommen hatten, hatte ich schon ein paar Jahre vorher gehört, dass an diesem Abend in Rio de Janeiro die größte Silvesterparty der Welt stattfinden würde, um das Jahr 2000 zu begrüßen. Die katholische Kirche hatte ein Heiliges Jahr ausgerufen. So war ich auf die Idee gekommen, das Jahr hier in Marzahn in ökumenischer Gemeinschaft zu begehen. Wir haben das Fest Mariä Empfängnis gemeinsam in großer Runde in der katholischen Kirche im Gemeindesaal gefeiert. Beim gemeinsamen Johannisfeuer, der Feier des 2000. Geburtstages Johannes des Täufers in der Maratstraße, waren wir dann schon weniger. Für die Adventszeit hatten wir uns vorgenommen, wie in der Anfangszeit unserer Gemeinden uns gegenseitig in die Familien einzuladen. Ganze zwei Einladungen kamen zustande, die dann auch noch kurz vorher abgesagt wurden. Silvester wollten die meisten zur großen Feier am Brandenburger Tor. Mein Anliegen war, dass unser Gemeindezentrum an diesem Abend offen sei und Licht aus den Fenstern leuchte. Wir luden ein zu gemeinsamen Gebet und Gesang und waren ganze zwei hier: ich und ein Alkoholkranker, der an diesem Abend aber nüchtern war und die Orgel spielte, während ich hier vorn Kerzen anzündete und gebetet habe. Draußen war so ein Nebel, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte. So konnte auch keiner, der eventuell doch hier vorbei gekommen ist, sehen, dass hier drinnen eine Andacht stattfand.

Nun, nach 18 Jahren naht sich bald das Jahr, in dem wir 2000 Jahre Gedenken an Jesu letztes Abendmahl , seine Kreuzigung, seine Auferstehung, Himmelfahrt und die Gründung der ersten Gemeinde zu Pfingsten gedenken können. Ob es im Jahr 2030, wie in unserem Kalender angenommen, oder im Jahr 2033 zu feiern ist, darüber diskutieren noch die Gelehrten. Ich denke, wir können angesichts der Größe dieses Ereignisses auch vier Jahre lang in ökumenischer Gemeinschaft feiern.

2006, als ich wieder über diese Worte Jesu im Joahnnesevangelium zu predigen hatte, begann ich mit dem Rückblick auf Heiligabend. Da waren so viele hier und mancher sagte: „Na, dann bis zum nächsten Jahr wieder am Heiligen Abend.“ Jesus aber geht es um das Bleiben. Er will uns nicht nur äußere, sondern auch innere Freiheit, ermöglichen, das heißt auch die Freiheit von Zukunftsangst. 2007 stand die Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent an. Das war mit Ängsten verbunden, ob dann die Preise auch entsprechend steigen würden und man demnächst noch das Nötige bezahlen könne.

Im Jahr 2012 habe ich die Predigtgedanken von 1994 noch mal aufgenommen und über das Lernen nachgedacht. Jesus möchte, dass wir zu unseren Fehlern stehen: „Ja, ich habe etwas falsch gemacht und nur ich bin dafür verantwortlich. Niemand anderes.“ Er möchte, dass wir die Wahrheit anerkennen und uns die Last der Schuld abnehmen. Er sagt: „Sonst bleibst du der Sünde Knecht.“ Damit möchte er Lust machen, nicht mehr Knecht zu sein, sondern Sohn. „Denn ein Sohn bleibt im Haus des Vaters.“

Und nun 2018? Im Sommer anlässlich der Zeitreise habe ich mit Fritz Müller über die Sünde und die Bedeutung des Todes Jesu disputiert. Er wollte heute eigentlich hier sein, aber ich sehe ihn jetzt nicht.1 Am nächsten Sonntag wird er im Gottesdienst anlässlich des Epiphaniasfestes sein und zu seiner Ausstellung hier etwas sagen, in der die drei Könige auf dem Weg zur Krippe im Mittelpunkt stehen.

Meine Überzeugung ist, dass es Regeln geben muss und sie klar und deutlich benannt werden müssen. Deshalb haben wir im Jahr 2010 auch unser Höflichkeitsprojekt begonnen, weil so einfache Regeln des Miteinanders, dass man sich grüßt, wenn man sich kennt und begegnet, nicht mehr selbstverständlich waren. Es sind Regeln, die wir als Kinder schon lernen und ohne die das Leben zur Hölle wird, wenn wir uns nicht danach richten. Doch wenn wir Erwachsenen es meinen, nicht mehr nötig zu haben, uns daran zu halten, woher sollen es die Kinder lernen?

Nun haben wir heute ja keinen Mangel an Regeln und Gesetzen. Kurz vor Weihnachten hatten wir hier im Haus auf einmal eine Hygieneinspektion und daraufhin ein Merkblatt von 3 Seiten eng beschrieben mit den Regeln bekommen, die es einzuhalten gilt. Es war so viel, dass ich bis heute nicht die Nerven hatte, mir das alles durchzulesen. Regeln sind wichtig, aber es kommt auch auf das Maß an. Zu viele kann man sich nicht merken. Da braucht man dann Spezialisten, die nichts anderes zu tun haben, als auf ihre Einhaltung zu achten. So gibt es ja auch für jeden Fachbereich Spezialisten. Dort, wo viele Menschen sind, ist die Einhaltung von Hygienevorschriften natürlich wichtig.

Gott aber hat uns nur wenige Grundregeln gegeben: die zehn Gebote. Jesus hat sie noch einmal zusammengefasst und auf drei reduziert: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben - und uns selbst lieben dürfen wir auch.

Dazu hat er uns die Vergebung ans Herz gelegt. „Wenn jemand dagegen verstößt, reicht es, dass ich ihm 7 mal vergebe?“ hatte Petrus Jesus gefragt und die Antwort bekommen: Nicht 7 mal, sondern 7 x 70 mal.“ Das heißt doch: immer.

Wir hören gleich den Solo-Gesang „Drei Könige wandern aus Morgenland, o wandere mit. Der Stern des Friedens erhelle dein Ziel, wenn Du suchst den Herrn – und fehlen Weihrauch, Myrrhe und Gold, schenke dein Herz dem Knäblein hold.“ 2 -
Wandere mit, der Stern des Friedens, der Stern der Gnade erhelle dein Ziel! – Wo von Gnade die Rede ist, da werden Regeln bestätigt. „Gnade vor Recht ergehen lassen“ ist ein Ausspruch, der das beschreibt. Regeln und Recht benötigen den Hinweis auf das, was folgt, wenn sie nicht eingehalten werden: eine Strafe / ein Nachteil, der motiviert, die Regeln ernst zu nehmen.

 

Gnade ist ein Erlass dieser Strafe, dieses Nachteils, von Seiten des unabhängigen Richters. Vergeben aber kann nur der Geschädigte, einmal der, dem dadurch ein Nachteil, ein Schmerz, ein Unheil zugefügt wurde und einmal der, der das Gesetz beschlossen und die Regel formuliert hat und darin nicht ernst genommen wurde, dessen Ansehen und Autorität also Schaden genommen hat.

So bitten wir Gott um Vergebung, wenn wir nun miteinander das Heilige Abendmahl feiern und hören, dass er unsere Regelverstöße nicht auf die leichte Schulter nimmt, nach dem Prinzip: „Ist schon gut, war nicht so schlimm, ist schon vergessen.“, sondern dass er es sich sehr viel hat kosten lassen: sein eigenes Leben, ja das Leben seines einzigen geliebten Kindes – und das ist noch viel mehr als das eigene Leben! Es ist die höchst denkbare Steigerungsform! Mit dieser bekräftigt er die Gültigkeit der Regeln, gegen die wir verstoßen haben.

Eins solche Gnade zu empfangen, wird unser Herz berühren und es öffnen für Jesus, dieses Kind, das „Knäblein hold“, diesen Mann aus Nazareth. Lasst uns ihm folgen. Amen.

1 Er war aber anwesend.

2 "Drei Könige wandern ins Morgenland" von Peter Cornelius